Gedanken zum großen Zapfenstreich in Kavalleriefassung

Der weltweit bekannte Begriff des Zapfenstreiches, zu dessen angesetzter Zeit alle nicht beurlaubten Soldaten zur Nachtruhe in ihren Unterkünften sein müssen, reicht mit seiner Tradition bis in die Heerlager der Landsknechte im 15. und 16. Jahrhundert zurück. Mit einem Schlag oder Streich auf den Zapfen des Bier- oder Weinfasses gebot der Profos den abends in der Schänke lärmenden und zechenden Söldnern energisch Schluss und verwies sie unter Strafandrohung bei eventueller Nichtbefolgung in ihre Nachtquartiere. Zugleich bliesen oder trommelten im ganzen Lager die Spielleute ihre befohlenen, bei jedem Regiment unterschiedlichen Abendsignale. Die Trompetersignale der Reiterei nannte man Retraite. Sie sind das Kernstück des Zapfenstreiches und wurden in allen Kavallerieeinheiten zum Tagesende gespielt.

Mit dem Aufkommen der stehenden und allmählich kasernierten Heere vom 17. zum 18. Jahrhundert wurden die gebräuchlichen Verständigungssignale in den Armeen zunehmend vereinheitlicht und reglementiert, jedoch nach wie vor unterschiedlich für Fußtruppen und Reiterei. Indes behaupteten bis in den 2. Weltkrieg hinein die berittenen und seit ihrer Angleichung um 1860 auch die bespannten Truppen das alte Privileg der Kavallerie. Demnach bliesen ihre Trompeter bis zuletzt zum abendlichen Zapfenstreich die altpreußische Kavallerie-Retraiten mit ihren drei in besinnlichen Abständen gehaltenen langen und im Vortrag recht anspruchsvollen Posten. Diese Retraiten wurden 1838 in das bis noch heute gültige Reglement des Großen Zapfenstreiches aufgenommen. Die Anregung zur zeremoniellen Erhöhung des Zapfenstreiches geht auf den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. zurück. Dieser soll während einer Truppenbesichtigung mit dem verbündeten Zaren Alexander dem I., in einem russischen Feldlager im Sommer 1813 in Schlesien von dem dort erlebten Brauch der russischen Soldaten, nach dem Zapfenstreich einen Choral zu singen, so überwältigt gewesen sein, dass er ab sofort die Übernahme dieser religiösen Sitte auch für die Preußische Armee befahl. Demgemäß sollten die Trompeter oder Oboisten nach dem Zapfenstreich (Retraite) ein kurzes Abendlied blasen, während die angetretenen Soldaten in Andacht zu verharren hatten. Dieses Abendlied "Ich bete an die Macht der Liebe" von Bortnjanskij gehört seit 1813 zum feierlichen Zapfenstreich und wird üblicherweise vor der Nationalhymne gespielt.

Die heute gültige Aufführung des Zapfenstreiches in Kavalleriefassung hat mit den bekannten Darbietungen der Bundeswehr beim großen Zapfenstreich nichts gemein. Also kein Schellenbaum und militärisches Gehabe. Unsere Bemühungen liegen vielmehr auf dem Gebiet der Traditionspflege bei der Reiterei, den Gespannfahren sowie dem Naturhornblasen. Nicht desto trotz liegt der ernsthafte und feierliche Gedanke zugrunde. Außer den unumgänglichen Trompeten und Pauken sind ausnahmslos Naturhörner zur Musik dieses Zapfenstreiches zu hören. Die mitwirkenden Musiker sind Reiter bzw. Fahrer oder dem Reit- und Fahrsport nahestehende Bläserfreunde, die um die Erhaltung und Pflege historischer Musiken bemüht sind. Unser Anliegen ist es, die Tradition im Bereich Naturhornblasen zu pflegen und bei unseren Veranstaltungen mit diesem abschließenden Zapfenstreich in Kavalleriefassung einen würdigen Rahmen zu verleihen. Das derzeit gültige Zeremoniell des "Großen Zapfenstreiches in Kavalleriefassung" beginnt nach altem Reglement mit dem Weckruf der Fackelträger. Daran schließt sich das "Tatto" an, zu dem die Fackelträger aufmarschieren und sich um die Bläser verteilt aufstellen. Nach dem Aufzug der Fackelträger erklingt zur Einstimmung der "Marsch des Yorck'schen Korps" von Ludwig van Beethoven. Es folgt dann eine "Serenade". Für die derzeitigen Zapfenstreich-Aufführungen mit einem Spezialarrangement für reiterliche Jagdhornbläser sind als Serenade vorgesehen: "Paradepost der berittenen Truppen, Standartenfanfare der Preußschen Reiterei und der Marsch aus der Zeit Friedrichs des Großen" (aus der kurfürstl.-sächsischen Armeemusik 18. Jh.. Danach beginnt der eigentliche "Große Zapfenstreich", hier in der Kavallerie-Fassung. Nach altsächsischem Privileg wird er mit dem "Sächsischen Zapfenstreich" (von Carl M. von Weber) eingeleitet. Es folgen von Solotrompeten vorgetragen die Retraiten (1., 2. und 3. Post), danach der Ruf zum Gebet von L.v.Beethoven, ein Trompetensignal kündigt an "Reiter zieht die Kappen zum Gebet". Es folgt "Ich bete an die Macht der Liebe" von Bortnjanskij. Daran schließt sich der Ruf nach dem Gebet mit anschließender "Nationalhymne" von J. Haydn und die heute übliche Europahymne "Ode an die Freude" von L. v. Beethoven an. Mit dem preußischen Zapfenstreich-Marsch zum Auszug der Fackelträger endet die feierliche Aufführung.

Der Ablauf "Großer Zapfenstreich der Reiter" in Kavalleriefassung für Naturhörner, Pauken und Trompeten im Überblick:

 

  1. Weckruf zum Zapfenstreich - Tradition
  2. Tatto (Einzug der Fackelträger) - A.W.Latham
  3. Yorkscher Marsch - L.v.Beethoven (Einstimmung zum Zapfenstreich)
  4. Paradepost - Tradition
  5. Marsch aus der Zeit Friedrich des Großen - Anonym
  6. Sächsischer Zapfenstreichmarsch - C. M. v. Weber
  7. Retraite (1.-, 2.-, 3.-Posten) - L. v. Beethoven
  8. Feierliche Einführung zum Gebet - Tradition
    (Reiter zieht die Kappen!)
  9. Ich bete an die Macht der Liebe - Bortnianskij
  10. Hymne (Einigkeit und Recht und Freiheit) - J. Haydn
  11. Ode an die Freude (Europahymne) - L. v. Beethoven
  12. Preußischer Zapfenstreich - Anonym
    (Auszug d. Fackelträger)

Nachfolgend alle bisherigen Zapfenstreich-Aufführungen:

Jahr

Ort, Anlass

Dirigent

1976

Darmstadt-Kranichstein, Reitervestival

Oskar Weber

1977

Köln-Porz, Jagdhornbläsertreffen

Oskar Weber

1978

Solingen, Bundeswettbewerb Jagdhornbläser-Gilde

Oskar Weber

1979

Wiesbaden-Adamsthal, Reitsportveanstaltung

Oskar Weber

1980

Kloster Eberbach, Konzertveranstaltung

Oskar Weber

1981

Darmstadt-Kranichstein, Trakehnerpräsentation

Oskar Weber

1982

Wiesbaden-Biebrich, Bundeswettbewerb JHB-Gilde

Oskar Weber

1983

Aschaffenburg, Stadtfest Landesbläsertreffen

Oskar Weber

1984

Norderstedt (Hamburg), Bundeswettbewerb JHB-Gilde

Oskar Weber

1985

Frankfurt Festhalle, Reitsportveranstaltung

Oskar Weber

1986

Nürnberg, Bundeswettbewerb JHB-Gilde

Oskar Weber

1988

Koblenz, Festveranstaltung der Zeitungsverleger

Oskar Weber

1988

Bad Säckingen, Bundeswettbewerb JHB-Gilde

Oskar Weber

1990

Köln, Geburtstag 1. Gildemeister Hans Eschbach

Oskar Weber

1992

Darmstadt-Kranichstein, Jubiläum Oskar Weber

Oskar Weber

1996

Frankfurt, Hubertusfeier und Jagdhornbläserfest

Oskar Weber

2000

Neustadt/Dosse, 1. Internationale Hubertusjagd

W.Seidemann

2001

Neustadt/Dosse, 2. Internationale Hubertusjagd

W.Seidemann

2001

Lich, Familie Solms, Jubiläum Reitverein

W.Seidemann

2002

Fulda, Fasanerie, Landesbläsertreffen Hessen

W.Seidemann

2002

Idstein, Hessentag

W.Seidemann

2002

Wolfskehlen, vor der Kirche, Stadtfest Jubiläum

W.Seidemann

2009

Schloss und Gut Liebenberg, 10. Internationale Hubertusjagd

W.Seidemann

 

2001 wurde eine CD mit einer Neubearbeitung von Wolfgang Seidemann erstellt, die in unserer Geschäftsstelle erhältlich ist.

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